20 JAHRE
TECHNOPHILOSOPHISCHE KUNST

Ein fingiertes Interview

 

Sie zerschneiden am 22. Juni ein Bild, das sie in den letzten 3 Monaten gemalt haben? Warum?

Ich hatte im Herbst letzten Jahres eine interessante Arbeit mit der Firma BAYER gemacht. Dort wurde vor laufender Kamera von mir ein Bild im Format 200x200 (cm) in 100 gleiche Teile zerschnitten. Die Technophilosophische Idee war, das Verhältnis des Teils zum Ganzen zu beleuchten. In der Chemie bilden Atomgruppen oder auch die einzelnen Atome in einem Molekül selbst den neuen chemischen Stoff mit völlig anderen Eigenschaften als die Kompopnenten aus denen sie bestehen. Da entsteht aus den Teilen in der Tat etwas Neues. Sind die Teile in ihrer Summe das Ganze, steht das Teil für das Ganze oder eben nicht? Eine wissenschaftliche wie philosophische Fragestellung. Das faszinierte die Verantwortlichen,das parallele Welten ins Gespräch kommen können. Tatsächlich sind auch aus den entstandenen 100 Einzelteilen, jedes ein Unikat, wieder 100 neue Bilder entstanden. Insgesamt wurden 1000 solcher Präsente (900 Stück eben ohne das Original) weltweit an alle Kunden in 5 verschiedenen Sprachen verschickt. Ein tolles Projekt auch für den Künstler. Das möchte ich bei meinem Kalender wiederholen. Das Zerschneiden folgt aber keiner geradlinigen Geometrie wie beim BAYER-Projekt, das wäre eine Wiederholung, sondern nach dem Verlauf der logarithmischen Spirale.

Seit 20 Jahren gibt es die Technophilosophische Kunst. Wie sind sie dazu gekommen?

Offiziell begann alles im Herbst 1982 – inoffiziell mindestens 10 Jahre früher. Kopien von Van Gogh in Öl und Portraits in Kohle habe ich schon als 12 -13 jähriger, für Außenstehende in erstaunlicher Manier zu malen beherrscht. Das war das Handwerk, das man beherrschen sollte – dann kommt der Kopf, denn Künstler wird man nicht – Künstler ist man – da gibt es die absolute Sinnkrise, die Verzweiflung, die Ohnmacht gegenüber dem Alltag und allem Trivialen. Das macht Dich kaputt – du rebellierst und suchst deine Weggefährten in der Philsophie, die Deine Situation spiegeln – der Existenzialismus und das Absurde, Camus, Sartre - der Nihilismus – Nietsche und Schopenhauer taten ihr übriges. Also musste was geschehen – und da war die Kunst – es war wirklich eine Offenbarung.

Wie wurde der Begriff geprägt?

Als angehender Ingenieur wurde ich ab 1982 intensiv mit der „positivistischen Naturwissenschaft“ konfrontiert. Die naturwissenschaftliche Seite an der ich mindestens genauso interessiert bin wie an allen geisteswissenschaftlichen Themen wurden in diesen Studienjahren kräftig durchgemischt. Wissenschaftstheorien T.S Kuhns, der Konstruktivismus mit seiner erfundenen Wirklichkeit, neue Deutungen erkenntnistheoretischer Art geboren aus neuen Fragestellungen, die die Quantenmechanik an uns stellte, die neuen kosmologischen Interpretationen Einsteins jenseits von Newton, das Symmetrieproblem beim Pi-Meson in der Atomphysik – kurz gesagt  - es gibt da unendlich viel was mich faszinierte, ja elektrisierte. Denken Sie an die Infinitisimalrechnung, an alle irrationalen-transzendenten Zahlen wie „pi“ oder „e“ oder die Zahl 1,618..... des Goldenen Schnitts, denken Sie an die komplexe Zahlenebene,  die über die imaginäre Wurzel aus –1 als Zeichen i förmlich von Gauß erfunden wurde, denken Sie an die unterschiedlichen Geometrien, die aus der Unlösbarkeit der Quadratur des Kreises und des Parallelaxioms in der Euklidschen Ebene sich im 19. Jahrundert unabhängig entwickelten womit dann Riemann die Grundlagen schuf mit seinem berühmten Krümmungstensor für die Allgemeine Relativitätstheorie Einsteins, die er am 25. November 1915 übrigens, veröffentlichte. All das umfasst Technophilosophische Kunst, der Begriff wurde kurz nach 1982 von meiner Frau spontan verbalisiert auf die Frage eines „Kunstbanausen“ was wir da so trieben, was das denn sei? Ach davon verstehen Sie nichts – das ist Technophilsophische Kunst, antwortete meine Frau. Nunja, der Zungenbrecher war geboren.

Sie sind ein Fanatiker, was fasziniert Sie so an der Welt?

Sehen Sie, es sind die unterschiedlichen Codes der Menschen Wirklichkeit  -  ihre Wirklichkeit  - zu übersetzen. Wenn wir Sprache benutzen um Wirklichkeit für uns begreifbar zu machen benutzen wir einen Sprachcode, die Linguistik könnte vieles in einer Metaform wiederum mit Sprache über Sprache sagen, aber es gibt ja noch andere Modifikationen, denken Sie an die Musik, die Bildende Kunst, die Mathematik. Der Mensch sucht sich adäquate Übersetzungsformen um Phänomene für sich begreifbar zu machen. So kann das Phänomen „Trauer“ über Sprache sprich Literatur, über bildende Kunst, sprich Malerei, Fotografie oder Plastik (Ernst Barlach oder Käthe Kollwitz), über Musik durch Chopins Trauermarsch und über Mathematik an Hand von Gehirnströmen über Frequenzen und Schwingungen „übersetzt“ werden. Das ist für mich als Technophilosoph unglaublich spannend wie die unterschiedlichsten Übersetzungen eines Phänomens realisiert werden. Das ist das Kontinuum  - dass das alles von uns erfunden wurde - und alles einen Urgrund hat, den Menschen selbst. Das muss man spüren, das ist wie Magie – eine mathematische Formel ist eigentlich Zauberei, komprimiertestes Wissen über einen außer uns stehenden Sachverhalt. Denken Sie an Galileos Experimente am Schiefen Turm von Pisa, wo er an Hand von tausenden Versuchen seine Formel s= ½ g t quadrat ermittelte und für viele von uns auch heute noch verblüffend feststellte, das das Gewicht keinerlei Rolle beim freien Fall spielt. Es dauerte hier 2000 Jahre bis er Aristoteles widerlegte. Er war ein Zauberer.

Und das machen Sie als Künstler?

Genau. Mein Gehirn ist eine 5 dimensionale menschliche Übersetzungsmaschine ohne Anspruch auf Wahrheit.

Wie bitte?

Die Gedanken verknüpfen Raum und Zeit zu einem 4dimensionalen Kontinuum. Die Phantasie überwindet in einer weiteren Überlagerung dieses 4-dimensionale Verkettung. Das Gehirn ist tatsächlich etwas 5 oder noch höher dimensionales. Sie können Phantasie, eine genialen Einfall, nicht erklären. Er ist jenseit von Raum und Zeit plötzlich präsent. Darin steckt ein Stück Ewigkeit – da ist man tatsächlich dann unsterblich. Aber das alles was da entsteht, in der Kunst, in der Mathematik, in der Musik ist nicht die Wahrheit. Dies wäre totalitär.

Aber alle diese Codes haben doch etwas totalitäres, sie grenzen doch letztendlich ein?

Da habe ich keine Illusion. Die vorgegebenen Materialien der Codes, wie Worte-Begriffe, Zahlen, Töne  die übrigens alle Übersetzbar sind in einer binären Matrix, dem ja-nein-Code Leibnitz´ nötigen uns schon in gewissem Sinne in vorgefassten Bahnen zu denken. Allein der Begriff „Technophilosophisch“ bildet schon ein Korsett, wie im übrigen alle Begriffe.

Und trotzdem wählten Sie den Begriff?

Aber dieser Begriff bedeutet auch Orientierung, einen Horizont an dem sich ein Werk ausrichtet und es unverkennbar eigen macht. Es ist ein Programm das mir in den letzten 20 Jahren sehr geholfen hat. Es erklärt
auch warum die Bilder so unterschiedlich sind, einmal figurativ, einmal realistisch, einmal surreal einmal informel, dann wieder alles gemischt. De Kerckhove, Nachfolger des berühmten Medientheoretikers Mc Luhan, beschreibt die Funktion eines Programms so, dass Inhalte operationalisierbar werden, und zwar unabhängig von den Inhalten. Die Form – hier das Programm - ordnet sich den Inhalten unter. Das ist ein ungeheurer Vorteil für einen Künstler.

Warum verbergen sich die Dinge vor uns, denen Sie in Ihrer Kunst doch habhaft werden wollen?

George Spencer Brown sagt es so wunderbar klar in seinem 1973 erschienenen Buch „Laws of Form“: „Damit die Welt sich selbst sehen kann, muss sie sich zuerst trennen, nämlich in einen Zustand der sieht, und mindestens einen anderen, der gesehen wird. In diesem zerschnittenen und verstümmelten Zustand ist das was sie sieht, nur teilweise sie selbst. In jedem Moment wo die Welt versucht sich selbst zu sehen, unterscheidet sie sich von ihr, wird sie (die Welt) verfälscht. In diesem Zustand wird sie ihrem eigenen Erfassen stets selbst teilweise entgehen.“


Und Jim Morrioson von den Doors sagt das gleiche aus der Richtung der Poesie, nur anders: „Jedes Ding auf der Welt ist ein Symbol, es läßt sich nicht ändern. Ich meine alles paradiert als es selbst, aber es steht in Wirklichkeit für etwas anderes; alles was du siehst und riechst, ist eine kleine Ablagerung des Unfassbaren, des Geheimnisses überall. Wenn es wirkliche Dinge gäbe auf der Welt anstelle von bloß einem Panorama von Symbolen würden alle Poeten Buchhalter und Volkszähler gewesen sein.“

Wie geht es weiter?

Allgemein aber auch persönlich, ich weiß es nicht. Man muß versuchen die eigene Existenz in den Griff zu bekommen. Der moderne Mensch ist haltlos, gespalten, irgendwie sind wir am Nullpunkt angelangt, alles scheint relativiert, alles zerbröselt, alles sinnenleer. Aus dieser Ohnmacht und aus dem Werteverlust entsteht Gewalt. Gewalt gegen die Apparate, die Mechanisierung allen Lebens, gegen sich selbst. Wir müssen Getreu dem kybernetischen Prinzip, dass das Ende bereits im Anfang enthalten ist, sehen, das man wieder dort ankommt wo man begonnen hat, aus der Trennung muss Versöhnung werden. Mein Werk, nicht das einzelne Bild, hilft mir dabei.

©2019 by Peter Neunzig | Technophilosophische Kunst