©2019 by Peter Neunzig | Technophilosophische Kunst

“Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als Innen. Unser Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringer schwindet das Außen. Wo einmal ein dauerndes Haus war, schlägt sich erdachtes Gebild vor, quer, zu Erdenklichem völlig gehörig, als ständ es noch ganz im Gehirne."

AUSSTELLUNG

—  Rainer Maria Rilke

Deutsche Bank x Technophilosophische Kunst

Seinsbetrachtung - denn nirgends wird Welt sein, als Innen

Ein Text von Clara Neunzig

Das Sein – vier Buchstaben, ein Wort, ein univokes Verständnis. Das Verb „sein“ wird von den meisten Menschen seit Kindertagen gerne als Universalwort, umgangssprachlich als die Verbindung von Subjekt und Objekt eingesetzt und gehört daher kompromisslos zu unserem alltäglichen und unüberlegten Sprachgebrauch. Das „Sein“ ist die Charakteristika eines jeden Gegenstandes oder Individuums, beziehungsweise eines jeden „Seienden“, das nach Subtraktion aller Eigenschaften übrigbleibt. Es bezeichnet den Zustand der Entität und Existenz – bezogen sowohl auf Menschen als auch auf Sachverhalte. Darüber hinaus bezeichnet es mathematische Gleichheit (eins plus eins ist zwei) oder es kennzeichnet Dinge oder Individuen. Das Wort „sein“ dient der Definition, Prädikation oder Klassifizierung.  

 

Eigentlich simpel – doch obwohl dieses kleine Wörtchen so oft so unkontrolliert, auf ganz natürliche Weise über unsere Lippen geht, wirft es seit 800 v. Chr. unter anderem philosophische, existenzielle, und religiöse Fragen auf.

Wieso bin ich da? Weshalb bin ich gerade jetzt? Wieso bin ich überhaupt?

Das Sein ist die Basis philosophischen und metaphysischen Denkens. Durch Parmenides wurde das Sein zu einem Begriff abstrakter Art, das über die Naturphilosophie hinausging. Das Sein ist nicht mehr fassbar, das Nicht-Sein ist unmöglich. Das, was existiert, ist. Es bedarf keiner Entstehung und es vergeht auch nicht. Die Gegenthese, aufgestellt von Heraklit, lautet: panta rhei – alles fließt. Für ihn wiederum ist das Werden das grundliegende Prinzip, auf dem die Welt, die Menschheit baut. Betrachtet man das Nicht-Sein jedoch als die Möglichkeit, nicht nicht zu sein, sondern anders zu sein (Blau ist nicht Rot, was jedoch nicht bedeutet, dass Blau nicht ist), so sieht man Platons Sicht auf das Sein. Das Dasein setzt sich für Platon aus Entstehen, Werden und Vergehen zusammen – es ist Teil des Seins.

 

Im Neuplatonismus bekam der Geist, das Denken, seinen Anteil am „Sein“. Ideen und Gedanken formen das Sein jedes Individuums, so Plotin. Augustinus knüpfte später an diesen Gedanken an und verband die göttliche Komponente, das christliche Denken, mit dem Neuplatonismus. Es entwickelte sich das mittelalterliche Denken und schuf die Diskussion – es kam zu der Auseinandersetzung, in welchem Verhältnis Sein und Gott zueinanderstehen. Philosophen und Theologen wie Thomas von Aquin oder Johannes Duns Scotus brachten Konzepte der Analogie von Gott und Geschöpf oder die Lehre der Univozität, die Vernunft und Glauben thematisiert, hervor. Ist das Sein die Voraussetzung für die Abgrenzung von Individuen? Ist Gott das unendliche Sein? Wilhelm von Ockham verwarf die Lehre der Univozität. Als Nominalist konnte er „Allgemeinbegriffen“ keine ontologische Existenz beimessen. Für ihn handelt es sich um intellektuelle Begriffsbildungen, also ein psychologischer Vorgang, der Objekte kategorisiert.

Viele weitere Philosophen, Historiker, Theologen und Schriftsteller, wie Kant, David Hume, Hegel oder Sartre befassten sich zu Lebzeiten mit dem umfassenden Thema des Seins und der Existenz. Die Suche nach dem Sinn des Seins beschäftigt die Menschen – schon immer. Die Frage, die Suche nach einer Antwort, nach einem Sinn ist legitim. Sie lässt die Menschen nicht los und bereitet seit jeher Kopfzerbrechen – wir sind „zur Freiheit verurteilt“. Verurteilt, zu sein, verurteilt frei zu sein – ist das „Sein“ eine schicksalhafte Gegebenheit?  

Sein - ein technophilosophischer Ansatz

Auch den Künstler Peter Neunzig beschäftigt die Frage. Er betrachtet das Sein, die Existenz und die Spezies Mensch seit vielen Jahren unter technophilosophischen Gesichtspunkten. Die Ausstellung „Seinsbetrachtung – denn nirgends ist Welt, als Innen" gibt Aufschluss über seine Sichtweise und zeigt die Erzeugnisse seiner Arbeit zum Thema „Sein“.

 

 

 

Das Bild, „der Seelengrund“ behandelt die Existenz der Seele, die den Menschen von anderen Individuen abgrenzt und in Verbindung zu Gott bringt. Er vereint Ansätze von Augustinus, Thomas von Aquin, Platon und Aristoteles während des vorangegangen Bildschaffungsprozesses in seinem Atelier. Sein bildsprachlicher Output erinnert an die biologische Komponente der „Seelenwerdung“ zum Zeitpunkt der Blastozyste: Schon beseelter Mensch oder noch seelenloser Zellhaufen? Das Bild beginnt mit dem ungemütlichen Seelenzustand, den es seit Menschengedenken gibt: Die kosmische und allgegenwertige Verlorenheit, eine unüberwindbare Gefühlslage basierend auf Gedanken des Existenzialismus. Dennoch: die dynamische, farbvolle und energiereiche Gestaltung des Bildes gibt Hoffnung auf mehr und lässt uns in die Tiefe unserer Seele und damit unserer Existenz, unseres Seins blicken.

Das Bild „100 Titel“ ist wirkungsstark durch seinen bildsprachlichen Ausdruck. Der historische Hintergrund bietet einen Blick zurück in die Grausamkeit des „Seins“, das uns bis heute beeinflusst und zu dem macht, was wir – als eine Gesellschaft, als ein Land, sind, beziehungsweise geworden sind. Es stellt sich automatisch die Theodizee Frage. Also die Frage: Wenn Gott ist, wieso ist Leid? Das Thema wird aus Gründen nicht weiter vertieft. Es bleibt offen: Was bedeutet die Suche nach dem unbekannten Täter? Sein Bild „die Erosion der Gewissheit“ schließt das Thema der Ausstellung ab und wirft damit gleichzeitig neue Fragen auf – denn: auf Basis der Aussage vom Sozilogen Anthony Giddens, wissen wir, dass „gar nichts mit Sicherheit gewusst werden kann“. Wir sind also erneut am Anfang unserer Fragen: Wieso bin ich da? Warum ist das so? Weshalb bin ich gerade jetzt? Wieso bin ich überhaupt? Geraten wir durch das Wissen, nichts zu wissen – besonders in Bezug auf die andauernde Frage nach der Sinnhaftigkeit des Seins – in einen Zyklus à la perpetuum mobile? Geraten wir womöglich in eine Abwärtsspirale, die unsere Hoffnung nach dem tieferen Sinn des Seins, der Existenz auffrisst?

 

Ich sage nein – werfen wir einen Blick auf das hellste, freundlichste und „eindeutigste“ Bild der Ausstellung. Das Bild „die Stadtmonaden“ - ein Bild in Zitrusgelb zeigt das Stadtwappen der Stadt Düsseldorf in prachtvollen Farben. Es gibt einen äußerlichen Blick auf Düsseldorf, der Nachbarstadt Hilden. Die Assoziation an die Hauptstadt Nordrhein-Westfalens wird durch diverse Detailansichten bekannter Manier hervorgerufen. Eine Monade ist nach Giordano Bruno sowohl physisches als auch psychisches Wirklichkeitselement. Es ist das Einfache, unteilbare – es ist nach Leibnitz die letzte Ureinheit, die in sich geschlossen ist und sich nicht weiter auflösen lässt. Dabei sind wir Teil des Großen. Egal, ob bezogen auf eine Stadt, ein Land, einen Kontinent, einen Planeten, ein Universum. Wir sind die Ureinheit des Großen und Ganzen – des Göttlichen und der Liebe. Mit dem Wissen können wir sein. Also sind wir!