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Die Gretchenfrage

Öl auf Leinwand, 80 x 80, Wz: 328

Text: Annegret Neunzig

„Nun sag,                                         wie hast du's mit der Religion?“

„Nun sag, wie hast du's mit der Religion?“ (V. 3415, Johann Wolfgang von Goethe, Faust I)

 

Das Jahr beginnen mit der Gretchenfrage? …

 

Gretchen stellt ihrem Freier Heinrich Faust die berühmt gewordene Frage.

Aus der Beantwortung will Gretchen Rückschlüsse auf Heinrich Fausts Haltung und Absichten schließen. (Religion ist hier Synonym für das, was Gretchen in ihrem Leben als Leitfaden für ihr Tun und Lassen ansieht, Maßstab in ethischen Fragen und im alltäglichen Leben.)

Die Antwort Heinrichs soll ihr helfen zu entscheiden, ob sie sich auf sein Werben einlassen kann oder besser nicht.

Heinrich bringt die Frage in ein Dilemma:

  • antwortet er ehrlich, wird Gretchen sich nie und nimmer auf ihn einlassen,

  • antwortet er so, dass Gretchen sich auf ihn einlässt, ist er unaufrichtig und verhält sich manipulativ.

 

Im Laufe der Rezeption dieser Frage, wird die Gretchenfrage zur Gewissensfrage

„Sag‘, wie hast du’s mit…?

Zu Beginn eines neuen Jahres drängen sich Gewissensfragen unterschiedlichster Art auf:

Persönliche, gesellschaftliche, ökologische, politische, …

Zu Beginn des Jahres 2023 scheint es mehr denn je wichtig zu sein, die sich auftuenden Fragen als Gewissensfragen wahr- und ernst zu nehmen und sich ernstlich und gewissenhaft, um Antworten zu bemühen.

 

Noch einmal zurück zur „Gretchenfrage“: „Nun sag, wie hast du's mit der Religion?“

Die Zahl der Kirchenaustritte lässt vermuten, dass diese Frage an Bedeutung verloren hat.

Diese Annahme ist jedoch irrig, denn wir bleiben Menschen, die wie Faust von den tiefreligiösen Fragen umgetrieben werden: „Wer bin ich?, wo komme ich her?, wo gehe ich hin? Und was ist der Sinn meines Lebens?“ Und natürlich wollen wir wissen „was die Welt im Innersten zusammen hält“.

Mit vorgefertigten Antworten aus Wissenschaft und Religion wollen wir uns nicht begnügen, da sind wir ganz faustisch: Das ist alles „Umnebelnd Himmelsglut“ (V 3458) – aber wir sind Fragende und bleiben Fragende

 

und das ist das, was Menschsein ausmacht,

das ist das, was lebendig macht und bereichert.

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