S(t)einsfrage
Öl auf Leinwand, 100 x 80, Wz.: 423
S(t)einsfrage
Text: Annegret Neunzig
Dieser Stein, der Stein verweist über seine materielle Erscheinung hinaus.
In Anlehnung an Martin Heidegger unterscheidet Neunzig zwischen dem sichtbar „Seienden“ - den Dingen der Welt - und dem tieferen „SEYN“, das sich hinter ihnen verbirgt. Heideggers Gedanke „Das Seiende ist - das SEYN aber west“ wird hier bildnerisch erfahrbar.
Der Stein ist da, sichtbar und greifbar – und bleibt doch ein Rätsel. Er manifestiert Sein, ohne sich vollständig erklären zu lassen.
Je länger der Blick auf das Bild gerichtet ist, desto weniger eindeutig erscheint seine Oberfläche. Strukturen lösen sich heraus, verschwinden wieder, erinnern an Landschaften, Spuren, Körper oder Gesichter. Nichts davon lässt sich festhalten. Der Stein bleibt Gegenstand und entzieht sich doch zugleich unserem Zugriff.
Gerade darin liegt seine philosophische Kraft.
Zugleich greift das Bild die S(t)einsfrage Heideggers Kritik an der technischen Moderne auf: Die Welt droht etwas zu werden, das vor allem berechnet, genutzt und verfügbar gemacht wird. Neunzig setzt dem einen stillen Gegenpol entgegen. Sein Stein muss nichts leisten. Er fordert nicht zur Nutzung auf. Er ist einfach da – und stellt gerade dadurch die Frage nach dem, was hinter dem bloßen Vorhandensein liegt.
Der Stein trägt eine Zeit in sich, die menschliche Zeit weit übersteigt. In ihm begegnen sich Erdgeschichte und menschliche Existenz, Vergänglichkeit und Dauer. Was für uns ein Gegenstand ist, kann zugleich Zeuge einer Wirklichkeit sein, die lange vor uns begann und lange nach uns bestehen wird.
So wird die S(t)einsfrage zu einer Meditation über den Menschen als Teil eines größeren, verborgenen Zusammenhangs des Seins. Vielleicht liegt gerade darin die Zumutung und der Trost dieses Bildes: Wir sind nicht außerhalb dieser Wirklichkeit, sondern in sie hineingenommen – in
Das Sein, das alles umfasst – und unfassbar bleibt.

