Das Bild ohne Titel
oder
Das Bild mit den X Titeln

 

Ein Text von Clara Neunzig

Zum Video

Ein schwarzer Hintergrund, leicht in sich changierend; drei verschiedenfarbige Kugeln in Blau, Schwarz und Gelb. Sie schweben in der oberen Bildhälfte in einer horizontalen Reihe. Die Größe jeder Kugel unterscheidet sich von der der anderen; der Abstand beider äußerer Körper zum mittigen Schwarzen ist verschieden. Diese Details sind für das bloße Auge auf den ersten, oberflächlichen Blick kaum merklich. Es bedarf besonderer Aufmerksamkeit zur Entdeckung dieser Kleinigkeit. Darunter, mittig und sehr prominent platziert, ein umrahmtes Zeichen – schwarz auf schwarz. Es ist nicht klar, in welcher Beziehung Kugel zu Hintergrund zu Symbol stehen. Gibt es überhaupt eine?


Nach 90 Sekunden Betrachtungszeit fragt sich der Sehende (in der Hoffnung, mehr über das Gesehene zu erfahren): Wie heißt das Bild?

Drehen wir den Spieß rum: Wenn Sie dem Bild einen Titel oder einen Namen geben würden, wie hieße es?

Das Bild soll den Betrachter anregen, sich mit dem Gesehenen auseinander zu setzen. Welche Assoziationen kommen auf? Welche Eindrücke entstehen? Moderne Kunst bietet diese Freiheit. Die Freiheit der Interpretation, der Auseinandersetzung oder der Inhaltslosigkeit – ganz nach Gusto des Betrachters. Das Publikum mit in den Schaffungsprozess, das heißt der Namensfindung, miteinzubeziehen schaffte ein Kunstprojekt: Das Bild ohne Titel bzw. das Bild mit den X Titeln. Die Integration des Betrachters schafft Kommunikation, neue Spektren des Sehens und vor allem: Eine Erweiterung des Bewusstseins jedes Einzelnen: X Titel – X Bedeutungen – X Geschichten.


Aber wieso bekommt dieses scheinbar banale Bild diese Aufmerksamkeit? Wieso ausgerechnet dieses Bild, auf dem vermeintlich wenig zu entdecken ist? Das zunächst wenig Spielraum bietet für aufregende Geschichten? Diese Fragen sind Kern des Projekts. Denn der Künstler möchte die Phantasie der Menschen anregen und ihn aus bekannten Gedankenstrukturen locken. Viel mehr aber möchte er Aufmerksamkeit schaffen für die offensichtlich „banalen Dinge“.


Der Künstler zwingt den Betrachter durch die Aufforderung der Titelfindung zu einer ganz speziellen Betrachtung. Er möchte, dass hingesehen wird. Er möchte, dass wir aufmerksam sind. Denn das, was hier, zumindest aus der Perspektive des Künstlers, zu sehen ist, sind drei chemische Elemente, linear nebeneinander angeordnet: Wasserstoff, Kohlenstoff und Sticksoff. Darunter: Das Symbol – das Logo einer Firma, schwarz auf schwarz. Soweit die Bedeutung des Gesehenen. Aber was ist die Geschichte dahinter? Es ist eine traurige, eine brutale – und das wirklich dramatische: Es ist eine wahre Geschichte. Denn sowohl die Elemente an sich, als auch das dargestellte Firmenlogo haben einen Zusammenhang, einen Kontext.


Die dargestellten Elemente zeigen die Strukturformel der Blausäure. Eine Chemikalie, die seinerzeit von dem Chemiekonzern IG-Farben hergestellt und unter dem Namen „Zyklon B“ bekannt wurde. Zyklon B wurde in den Gaskammern des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zum Massenmord eingesetzt.


Unschuldig, banal, bedeutungslos – drei Kugeln, ein Hintergrund, ein Symbol.

Isoliert betrachtet haben die Dinge keinen offensichtlichen Zusammenhang, keinen offensichtlichen Sinn.

Drei Elemente, ein dunkler Hintergrund, in Firmenlogo - das Gesehene erhält Bedeutung.

Eine Chemikalie, eine Firma, ein Knopfdruck – tausende Tote. Die Banalität des Bösen bekommt ein Gesicht vor dem Hintergrund einer Ohnmacht. Der schwarze Hintergrund symbolisiert die Stille, die Dunkelheit, den Tod Tausender.


Wir müssen hinsehen, um zu erkennen. In der heutigen Zeit, in der sich Rechtspopulisten und vermeintlich „alternative“ Parteien ihren Weg an die Spitze bahnen,  ist es wichtiger denn je, nicht das Vergangene zu vergessen, nicht die Augen vor der „Banalität des Bösen“ zu verschließen. Mit diesem Bild regt der Künstler auf kreative Art und Weise an, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und das Heute zu hinterfragen.


Wir sind mehr!

 
 
ORG__DSC0344_bearbeitet.jpg

©2019 by Peter Neunzig | Technophilosophische Kunst